Außerdem hatte ich im vergangenen Jahr gut und konstant trainiert: 2 Läufe über Ultra-Distanzen, 3 Marathons (Würzburg, Dresden, Zeil) mit zwei kompletten, je 12 wöchigen Vorbereitungsprogrammen. Und den letzten Gradmesser, in Zeil, war ich bereits mit "einem Zahn weniger" angegangen, hatte versucht, im aeroben Bereich zu bleiben, und war erfolgreich klar unter 4 Stunden und doch im sicheren Abstand vom Limit (vulgo: Kotzgrenze) geblieben.
Nun also Rodgau. Ich war hochmotiviert und locker zugleich. Start um 10 Uhr. Anreise ab 6 Uhr morgens mit dem Auto und zwei Arbeitskollegen. Die
Veranstaltung ist, bei einem Startgeld von nur 25 EUR (!), nahezu perfekt organisiert und kann gleichzeitig ihren familiären, gemütlichen Charakter beibehalten - sie genießt, obwohl erst zum 12. Mal ausgetragen, unter den Ultras Kultstatus, zu Recht. Die meisten Starter, geschätzte 90 %, sind nicht zum ersten Mal da.
Im letzten Jahr war ich mit einer Pace von ca. 6:10 min/km gestartet. Heuer pendelte ich mich gleich bei etwa 5:35 ein. Dank des kraftsparenden Untergrundes (zu 1/3 Asphalt, zu 2/3 gefrorene Feld-/Forststraßen) blieb der Puls anfangs bei dankbaren 75 % HFmax. Die ersten Runden - man läuft hier bis zu 10 Runden à 5 km, viele steigen aber auch früher aus - stellten kein Problem dar. Man muß nur sein eigenes Tempo finden, denn man läuft quasi nie allein. In meiner zweiten Runde, bei km 8, wurde ich bereits vom Vorjahressieger Evgeni Glywna aus der Ukraine überrundet! Kurz darauf preschten die zwei Verfolger, Tobias Hegmann und Thomas Dehaut aus Kleinostheim bzw. Landstuhl, vorbei. In unglaublichem Tempo. Ich hatte meine Fähigkeiten gut eingeschätzt und konnte die ersten 7 Runden sehr gleichmäßig und dabei locker in Zeiten zwischen 27:32 und 28:05 min laufen, aber dann wurde es naturgemäß schwerer und das Tempo langsamer. Auch nahm ich mir an der Verpflegungsstation - bei km 0,8 - etwas mehr Zeit. Ich hatte aber bereits gut vorgearbeitet für das große Ziel, unter 5 h zu bleiben. Die Marathon-Durchgangszeit - hier wurde erstmals sogar vom Zeitmeßsystem des Veranstalters eine Zwischenzeit genommen - lag bei 3:56:16 h, bestens! Es konnte nichts mehr schiefgehen! Ich lag so gut, daß sogar die Motivation, sich bis zuletzt reinzuhängen, darunter litt! Die letzte Runde absolvierte ich in 31:06 min, Gesamtzeit netto: 4:44:17 h. Genau 45 min schneller als letztes Jahr. Grandios! Durchschnittspace: 5:41 min/km. Ich bin absolut zufrieden, natürlich auch erschöpft und ich hätte keine 10 m mehr weiter laufen wollen, doch mein Zustand, muskulär wie kreislaufmäßig, war erstaunlich gut. Kein Vergleich mit dem letzten Jahr, wo ich mich auf dem schneebedeckten Untergrund aufgerieben hatte. So ein Lauf, bei diesem Wetter, diesen Bedingungen, der Verpflegung, der erreichten Zeit: einfach nur ein Genuß!
Viele Läufer laufen keine 10 Runden, sondern steigen früher aus, oder legen zwischendurch eine längere Pause ein und drehen dann noch ein paar Runden. Sie befinden sich dabei in bester Gesellschaft: der lange Zeit führende Ukrainer mußte nach der neunten Runde am Verpflegungspunkt, d.h. 4,2 km vor dem Ziel (!), völlig entkräftet aufgeben. Zwischenzeitlich war er auf Streckenrekordkurs gewesen, ja sogar die 3-h-Marke hatte er offensichtlich angepeilt. Doch kurz vor Vollendung seiner neunten Runde war er vom Zweiten überholt worden. Für seinen letzten Kilometer benötigte er 5 min! Zugegeben nicht ohne ein leichtes Grinsen kann ich feststellen, daß auch solche Cracks den häufigsten aller Fehler begehen: das Rennen zu schnell anzugehen. Es gewann schließlich Tobias Hegmann in 3 h 9 min und irgendwas vor Thomas Dehaut, etwa eine halbe Minute dahinter.
Die Zielverpflegung ist wieder ausgezeichnet. Doch dann folgt der Wermutstropfen: der etwa 1 km lange Marsch zurück zur Sporthalle bzw. zu den nochmals abseits gelegenen Männerumkleiden. Diese sind recht spartanisch, was nicht so schlimm wäre, doch bereits für Läufer im Mittelfeld wie mich ist das Wasser nur noch irgendwo zwischen kalt und lau. Tja, Ultramarathon ist halt nichts für Warmduscher! Außer man hält sich an die Devise: Schneller laufen, wärmer duschen!
Mein Fazit: Ein Ultralauf kann man wirklich genießen! (Natürlich sollten die äußeren Bedingungen stimmen). Er ist allein durch seine Distanz schon eine ultimative sportliche Herausforderung. Die Zeit ist viel mehr Nebensache als beim Marathon. Mehr noch: die Ultradistanz teilt man sich anders ein, läuft langsamer, im aeroben Bereich. Dadurch besteht, die Möglichkeit, den Akku an den Verpflegungsstellen wieder aufzuladen. Marathon dagegen ist die fieseste Distanz von allen (wahrscheinlich mit Absicht so gewählt und daher wohl auch als Königsdisziplin bezeichnet), denn man läuft sie - sportlichen Ehrgeiz auf Bestzeit vorausgesetzt - am Limit, an der aerob-anaeroben Schwelle. Da ist nach 33 bis 35 km unweigerlich Schluß, Akku leer und der Kampf mit dem Krampf geht los. Wie pflegt mein Kollege und Transeuropalauf-Finisher Uli Zach zu sagen: "Ein Marathon geht ja nur über 9 km. Man muß halt zuvor 33 km zum Start laufen!"
Rodgau empfehle ich jedem, der mal eine Langdistanz ausprobieren will. Es ist vollkommen risikolos, da man ja jederzeit aussteigen kann. Der Lauf ist glänzend organisiert, preiswert, die Strecke ist kurzweilig. Wer nächstes Jahr mitfahren will, kann sich mir anschließen.
Kurt